Junker in Süddeutsche Zeitung and Der Tagesspiegel

Besprechung von 08.06.2016

Schattentheater
Simon Spruyts Comic „Junker“ erzählt vom Untergang einer Welt
Zum Schloss der von Schlitts führt eine prachtvolle Lindenallee. Hier wird nicht einfach gewohnt, hier wird residiert. Die Vorfahren, wackere Ordensritter, haben die Setzlinge einst selbst gepflanzt – so erzählt es zumindest der Vater seinen Söhnen Oswald und Ludwig. In Wahrheit aber sind die Bäume ausgewachsen aus Schlesien angekarrt worden, als vor einigen Jahrzehnten hochadeliger Besuch anstand.
Eine kleine Lüge, gewiss, aber eine, die schon am Anfang andeutet: Es ist etwas faul im Staate Preußen. Die Fin de Siècle-Welt, in der „Junker“ spielt, lebt im Modus des Noch; die Zeichen dafür, dass ihr Untergang bevorsteht, sind unverkennbar. Die von Schlitts haben die meisten ihrer Ländereien verpachtet, im Stammsitz bewohnen sie nur noch ein paar Zimmer, und das Personal ist auf ein treues Dienstmädchen geschrumpft. Im entfesselten Kapitalismus der Gründerzeit gerät die Aristokratie ins ökonomische Abseits. „Das einzige, was uns bleiben wird, ist die wirtschaftliche Moral“, giftet Frau von Schlitt in hilflosem Zorn: „Das Geld als einziger Maßstab sozialer Differenzierung und die Monotonie der barbarischen Horde.“
Auch der Krieg ist nicht mehr das, was er einmal war. Herr von Schlitt hat in ihm 1870 sein linkes Bein verloren. In der berühmten Schlacht von Mars-la-Tour ritten deutsche Kavalleristen gegen französische MG-Schützen eine Attacke, die selbstmörderisch war, ob ihres Erfolges aber zum Mythos und zum Beleg für die weitere Gültigkeit tradierter Militärstrategie verklärt wurde. Aber waren damals wirklich nur Tapferkeit und Willenskraft ausschlaggebend? War nicht vielleicht Glück im Spiel?
Diese ketzerischen Fragen stellt sich zumindest Ludwig, der, wie sein älterer Bruder, noch als halbes Kind in eine Kadettenanstalt gepackt wird. Daran, wie die Männer seiner Familie vor ihm, zu Pferde zu kämpfen, hat er kein besonderes Interesse. Ihn fasziniert, so empfindsam er auch ist, gerade die neue, technisierte Art des Tötens. Zunächst schwärmt er für die „Nassau“, das erste moderne deutsche Schlachtschiff, dann für das „Maxim“-Maschinengewehr, dessen Handhabung eines Tages Teil seiner Ausbildung wird. Bald kennt Ludwig es in- und auswendig; es wird für ihn zu einer Art Freund, mit dem ihm eine nahezu erotische Beziehung verbindet.
„Ein preussischer Blues“ – der Untertitel dieses Comics klingt etwas gewollt. Aber er ergibt in doppelter Hinsicht einen Sinn. Einerseits hat die lakonische, sprunghafte Art, in der hier von Niedergang und Tod, von Einsamkeit und zwischenmenschlicher Kälte erzählt wird, in der Tat etwas anrührend Liedhaftes. Andererseits steckt im Blues eine Anspielung auf das Preußisch Blau. Der satte Ton dieser Farbe ist in den skizzenhaften Aquarellbildern von „Junker“ allerdings bezeichnenderweise nicht präsent; sie sind durchweg in Abstufungen von Graublau und Weiß gehalten. Manchmal sind nur Silhouetten zu sehen; dann wirkt es, als würde man Szenen in einem Schattentheater oder Erscheinungen in dichtem Nebel betrachten.
„Junker“ ist nicht der erste Comic des 1978 in Belgien geborenen Simon Spruyt. Der Zeichner ist schon seit über zehn Jahren aktiv; allerdings ist keines seiner bisherigen Werke ins Deutsche übersetzt worden. In der imaginären Autobiografie „Sgf“ und dem Zweiteiler „De Furox“ über einen Drachen, der zu Anfang der NS-Zeit lebt, hat Spruyt eine starke Affinität zum Grotesken gezeigt. In „Junker“ ist diese weit weniger ausgeprägt, aber nicht ganz verschwunden, etwa wenn die todkranke Frau von Schlitt einer Gestalt aus einem Horrorfilm gleicht oder wenn Ludwig eine Ente, die er geschossen hat, laut schimpfend und riesengroß im Traum erscheint.
CHRISTOPH HAAS

 

Der Tagesspiegel: here

 

And from the jury of the Max und Moritzpreis:

“Die Geschichte einer preußischen Kleinadelsfamilie am Vorabend des Ersten Weltkriegs ist kein Thema, das Leser in Scharen in die Buchhandlungen treibt. Das könnte sich mit Simon Spruyts „Junker“ ändern, ein Comic, der mit erzählerisch-bildnerischem Witz und Können eine vergangene Zeit beschwört. Den 1978 geborenen Belgier Spruyt scheint biografisch recht wenig mit seinem Thema zu verbinden, die Stimmung eines langsamen Untergangs, begleitet von den überholten Weltbildern einer sich überholenden Ära, trifft er allerdings genau. Joseph Roth lässt grüßen, ein wenig auch Thomas Mann (und wer weiß, welcher Dichter noch) – es sind literarische Räume, die sich hier in eine bemerkenswert ökonomische, immer wieder überraschende Bilderwelt übersetzen. Es gibt hier (auch) was zu lernen und noch viel mehr zu genießen.”